Erfahrungen, Eindrücke, Essenzen aus dem deutsch-russischen Friedensprojekt

Yogische Deutsch-russische Friedensarbeit. Wie geht das? Zunächst durch direkten Austausch. So haben in diesem Jahr russische und deutsche Kundalini Yogis sich zu diesem Zweck gegenseitig besucht. Das Kennenlernen war geprägt zunächst von vorsichtiger Annäherung, dann zunehmender Offenheit und mit wachsender Freundschaft von großer Herzlichkeit, gegenseitigem Verständnis, Austausch, Wohlwollen und Sympathie. Teilen von Freud und Leid. Miteinander essen. Miteinander sprechen. Miteinander meditieren. Miteinander lachen. Sangat at its Best.

 

Bemerkenswert für mich war, festzustellen, wie sehr wir trotz aller yogischer Neutralität Frieden und seine Bedingungen aus unserem jeweiligen historisch-kulturellen Blickwinkel und damit aus unserem eigenen gesellschaftlichen Kontext betrachten.

Wie kriegerisch sind wir Deutsche?

Mit zunehmender Betrachtung erscheint mir der heute in Deutschland vorherrschende Pazifismus und die breite Ablehnung kriegerischer Engagements eine Folge zweier verlorener Weltkriege, zahlloser Verbrechen und einer von den Siegermächten veranlassten systematischen, langfristig angelegten Umerziehung, der sogenannten Reeducation. Das demokratische Deutschland bezieht zu einem nicht unerheblichen Anteil seiner Identität aus diesen harten, sehr schmerzhaften Lektionen der eigenen, von äußerster Brutalität geprägten Vergangenheit.

Dass Deutschland spürbar in größeren Umfang sich in einem neuen Krieg oder gar Weltkrieg engagiert, erscheint für uns Deutsche mehrheitlich unvorstellbar, ja im Grunde ausgeschlossen. Interessant in diesem Zusammenhang ist ein langsam sich einschleichender Sinneswandel: solange der Krieg nicht unmittelbar vor unserer Türe stattfindet, solange es keine spürbare Massenmobilmachung gibt, sind Engagements Deutschlands zunehmend akzeptabel, werden geduldet, ja teilweise sogar begrüßt. Dies erinnert an den leidenschaftlichen Fleischesser, der nicht willens ist, das Schlachthaus vor seiner Tür zu tolerieren.

Krieg 2.0

Sicherlich: die Art der Kriege hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten für alle spürbar verändert: Kriege werden nicht mehr nur militärisch geführt, weniger zwischen Nationen, sondern zunehmend auch wirtschaftlich, asymmetrisch über kleinere Krisen und unübersichtliche Bürgerkriege. Geführt werden Kriege zunehmend digital mittels Informationen aus dem All, vermeintlich allwissender Geheimdienste, ferngesteuert mittels unbemannter Drohnen, sogenannter Präzisionswaffen und modernster Massenmedien. Nicht selten sind Basis schwer überprüfbare subjektive Erlebnisberichte oder scheinbar objektive Nachrichten. Verbreitet werden sie dank Facebook, Whatsapp und Twitter, dem mobilen, allgegenwärtigen Gezwitscher. Basierend auf der Analyse von Bewegungsdaten und systematischer Desinformation werden Wahrheiten und solche, die es werden sollen, gestreut. Ziel ist zunächst der Einfluss auf die herrschende Meinung und die Bewegung der Masse.

Die veränderten Lebensbedingungen und der zunehmende Zugriff auf die Psyche haben erhebliche Auswirkungen auf den Menschen, seine Aura, sein Nervensystem. So fordert Yogi Bhajan: "My request to you is, do not let your calmness go. Do not let your peace of mind go. Be with the Guru through this time. Your spirit shall be content. The majority of the world is living in a terrible fear. Nobody knows what is happening. There's too much information available to process. Just feel, within yourself, content and satisfied, peaceful and unique" (3/16/03).

Krieg und Frieden für die Russen

Für mich interessant zu sehen war, dass unsere russischen Freunde auf das Zeitgeschehen einen völlig anderen Blickwinkel haben: Die russische Revolution und mit ihr die beiden gewonnenen Weltkriege sind elementarer Bestandteil der russischen Identitätsbildung, des Stolzes, seiner Wehrhaftigkeit und Kampfesbereitschaft. Allein im 2. Weltkrieg, den die Russen den 'Großen Vaterländischen Krieg' nennen, haben ca. 30 Millionen Russen ihr Leben gelassen. Besonders stark betroffen war dabei die Zivilbevölkerung, in Städten wie Leningrad litt diese unermesslich, so sehr, dass sie im Rahmen der 900 Tage währenden Blockade vor Hunger und Verzweiflung Leim und Ratten aß. Die deutsche Haltung, der Mangel jeglichen Mitgefühls zeigt sich in einem Zitat der OHL vom 29.9.1941 zur Blockade Leningrads: "Von unserer Seite haben wir kein Interesse in diesem Krieg auch nur einen Teil der Bevölkerung dieser großen Stadt am Leben zu lassen."

Zähigkeit, Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit zeigte sich auch  schon zu Napoleons Zeiten, der, als er versuchte, Moskau einzunehmen, eine von der Bevölkerung initiierte, brennende Stadt vorfand, von der in der Folge nur Schutt und Asche übrig blieb. Die überlebenswichtige Versorgung der französischen Armee über den kalten russischen Winter war damit unmöglich, Napoleons Vorstoß war gestoppt, Rückzug und Niederlage Frankreichs waren eingeleitet.

Allheilmittel Demokratie

Auch die Einstellungen zu Politik, Macht und Demokratie ist in Russland und Deutschland recht unterschiedlich. Während wir in Deutschland mehrheitlich glauben, dass unsere parlamentarische Demokratie die beste aller Regierungsformen ist, Macht geteilt werden muss und Mitbestimmung genauso wie Pressefreiheit braucht, sehen unsere russischen Freunde dies für ihr Land ganz anders.

Ein riesiges Reich wie Russland, das nicht nur um ein vielfaches größer ist als Deutschland, sondern flächenmäßig das größte Land der Welt, braucht, um dauerhaft und stark existieren zu können, eine klare, bestimmte, zusammenhaltende Führung. Demokratische, wirtschaftliche und militärische Tendenzen sind nur insofern akzeptabel, als sie die innere Identität, die nationale Stärke sowie die äußere Sicherheit gewährleisten. Alle Handlungen müssen sich dieser Maxime unterordnen. Demokratie bekommt unter dieser Prämisse eine ganz andere Bedeutung, sie wird nice-to-have, da Sicherheit und Stabilität eine höhere Priorität genießen.

Putins Drang zur Selbstdarstellung, bei uns zunächst belächelt und mittlerweile mehr gefürchtet, bekommt aus dieser Perspektive Sinn und Zusammenhang. Putin inszeniert sich als der große Herrscher Russlands, als moderner Zar eines wiedererstarkten Russlands, als Herrscher in der Tradition der sowjetischen Weltmacht, der mit einem derzeit breiten gesellschaftlichen Konsens gleichsam stabil für innere Stärke und äußere Sicherheit Russlands steht. Für nichts anderes steht seine martialische, machohafte Symbolik: Lächeln, Zugeständnisse und Demokratie bedeuten Schwäche. Muskeln, Militär und Unberechenbarkeit hingegen bedeuten Stärke. Als Garant für Sicherheit und Stabilität wird Putin in Russland, auch unter unseren yogischen Freunden, mehrheitlich geachtet und respektiert. Im Kriegsmuseum, das in Moskaus Victory Park gelegen ist und das dort den Sieg über das faschistische Deutschland in allen Facetten feiert, steht Putins Büste neben der von Lenin und Stalin. Als starker Mann erscheint er gut für dieses Riesenreich, indem er seiner Bevölkerung Selbstbewusstsein, Feindbilder und Identität schenkt. Ob er auch gut für den nichtrussischen Rest der Welt ist, wird sich zeigen, muss aber aufgrund der bisherigen Erfahrungen eher bezweifelt werden.

Nachts vor den riesigen Mauern des Kremls stehend spürte ich, dass dieses Russland militärisch nicht zu bezwingen ist und jeder Versuch dieser Art scheitern muss. Schon vor 800 Jahren sagte der von der orthodoxen Kirche heiliggesprochene Fürst Alexander Newski: "Kommst du nach Russland mit dem Schwert, wirst du durch dieses untergehen." Bis heute unterstreicht dieses identitätsstiftende Zitat die Wehrhaftigkeit der Russen, die sich durch den expansiven Drang des kapitalistischen Westens zunehmend bedroht fühlen. 

In Frieden zu leben, ist ein großes Geschenk. Ein Geschenk, das wir als solches meistens weder wahrnehmen, noch zu schätzen oder zu würdigen wissen. Wir können dieses Geschenk nutzen, um unsere Egoismen zu pflegen, unseren Reichtum, unsere Macht und unseren geographischen, finanziellen, wirtschaftlichen oder ideologischen Einfluss zu mehren. Denkbar ist jedoch auch, dass wir anders mit ihm umgehen. Denn: Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Ihn dauerhaft zu erhalten, von seinen Früchten zu kosten, verlangt Engagement und Haltung. Doch was bedeutet das für uns Yogis konkret? Die Wirkung eines jeden Yogas setzt einen Impuls von Frieden frei. Insofern ist Yoga individuelle Friedensarbeit. Mit Yoga erarbeiten wir die Fähigkeit, mit unserem Mind in neutrale Haltung zu gehen. Was, wohlgemerkt, nicht zwangsläufig gleichzusetzen ist mit weltanschaulicher Neutralität. Yoga kann somit als eine Grundlage für Frieden verstanden werden. Es braucht aber mehr.

Basis einer jeglichen Friedensarbeit ist Nanaks Ek Ong Kar: Schöpfung und Schöpfer sind eins, Gott ist in Allem. Somit brauchen wir Frieden mit allen, der nur auf Basis einer friedlichen und friedliebenden Kultur gedeihen kann. Nur im Frieden können wir unsere wahrhaft menschlichen Qualitäten entwickeln. Krieg hingegen fördert das Animalische, den Überlebensinstinkt. Yogi Bhajan lehrte wehrhafte Toleranz, Einsatz für die Unterdrückten, Hilfe für die Hilflosen. Fragt man nach der Spanne eines möglichen Engagements für Frieden, so ist sie weitreichend: Guru Nanaks Friedfertigkeit und Neutralität steht in der Tradition von Ahimsa, der Pflicht als Yogi grundsätzlich vom Mind und Herzen her friedlich und gewaltlos zu sein. Am anderen Ende steht Guru Gobind Singhs Bereitschaft, das Schwert zu ergreifen, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. Unsere Toleranz muss es erlauben, dass der Schutz der Schutzlosen und die Hilfe für die Hilflosen eine höhere Priorität genießt als ein allgemeines Toleranzgebot und das falsch verstanden sich auch tolerant gegenüber unterdrückerischen Herrschern erklärt. 

In Angesicht des Terrors vom 11. Septembers 2001 sagte Yogi Bhajan: „What Guru Gobind Singh laid down was not a joke. All he said was that there can be a possibility where you have to defend yourself in a very saintly, firm way. I am not criticizing anybody, but there are a lot of religions who say if somebody hits your left cheek, turn your right. And I used to say, If somebody hits your left cheek, hit his right cheek so there should be no cheek. Otherwise, some other poor fellow will get it” (Espanola, Sep 11, 2001). Mir heißt im Russischen Frieden. Und Welt. So ist sowohl Frieden als auch die Welt, als auch der Weltfrieden in mir. Hier beginnt er, hier hört er auf. Mir in mir. Me within me. Yogi Bhajan: “Peace onto me, Peace within me. Peace in my mind. Peace in my surroundings, Peace to all. Peace to the Universe. May there be peace in the world. May there be peace all over the world. Forever.” 

Die Mehrheit der Menschheit lebt heute nicht in Frieden, sondern erfährt Unfrieden, Gewalt und Korruption. In Angesicht dessen gibt es in der Welt noch viel zu tun. Und so lautet die Frage nicht, was der Frieden dir bringt, sondern was du dem Frieden bringst. Wie wir konkret Frieden stiften können, wie wir unsere Verantwortung als Yogis wahrnehmen, welche Rolle wir dabei spielen, wie wir unsere yogische Technologie für Frieden einsetzen, sind dabei nur einige von vielen Fragen, die weiter zu beantworten sind. In Anbetracht zahlreicher Krisen fängt wahrhaft yogische Friedensarbeit gerade erst an.    

 

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